Kreative Flauten

Heute geht es um ein Thema, das fast jede Fotografin und jeden Fotografen irgendwann einholt. Egal, wie lange man schon fotografiert. Egal, wie gut die Bilder eigentlich sind.

Es geht um kreative Sackgassen. Um Selbstzweifel. Um diesen inneren Moment, in dem man denkt: „Ich kann das irgendwie nicht mehr.“ Oder: „Alles, was ich mache, fühlt sich leer an.“
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl. Du greifst zur Kamera – und hast keine Lust. Du siehst Bilder von anderen – und zweifelst an Dir. Du weißt, dass Du eigentlich fotografieren könntest – aber irgendetwas in Dir blockiert.

Kreative Flauten sind kein Versagen
Ich möchte gleich zu Beginn etwas sehr Wichtiges sagen: Eine kreative Flaute ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist kein Beweis dafür, dass Du ungeeignet bist. Und sie bedeutet ganz sicher nicht, dass Deine fotografische Reise zu Ende ist. Kreativität verläuft nicht linear. Sie kommt in Wellen. Manchmal stark. Manchmal leise. Manchmal gar nicht. Und gerade Menschen, die ernsthaft fotografieren, die sich Gedanken machen, die wachsen wollen, die mehr sehen wollen als nur Technik – gerade diese Menschen geraten besonders häufig in solche Phasen. Weil sie nicht zufrieden sind mit Mittelmaß. Weil sie spüren, dass da mehr möglich ist. Manchmal ist eine kreative Sackgasse kein Ende. Sondern ein Übergang. Ein Atemholen.

Selbstzweifel
Selbstzweifel kommen selten laut. Sie schreien nicht. Sie flüstern. Sie sagen Dinge wie: „Andere sind weiter als du.“ „Das ist doch nichts Besonderes.“ „Warum sollte jemand dich buchen?“ Gerade in der Portraitfotografie treffen diese Zweifel tief. Weil wir nicht nur Bilder zeigen – sondern unseren Blick auf Menschen. Unsere Haltung. Unsere Sensibilität. Und je mehr wir uns vergleichen, je öfter wir durch soziale Medien scrollen, desto lauter wird diese innere Stimme. Aber hier kommt ein wichtiger Gedanke: Du vergleichst deinen inneren Prozess mit dem äußeren Ergebnis anderer. Du siehst das fertige Bild. Nicht die Zweifel davor. Nicht die Fehlversuche. Nicht die Phasen, in denen auch andere am liebsten alles hingeschmissen hätten. Selbstzweifel sind kein Beweis dafür, dass Du schlecht bist. Oft sind sie ein Zeichen dafür, dass Dir Deine Arbeit etwas bedeutet.

Perfektionismus - Wenn Ansprüche lähmen
Perfektionismus klingt erstmal nach etwas Positivem. Nach Anspruch. Nach Qualität. In Wahrheit ist er oft ein Bremsklotz. Perfektionismus sagt: „Ich darf erst anfangen, wenn es richtig gut wird.“ „Ich darf erst fotografieren, wenn ich die perfekte Idee habe.“ „Ich darf erst zeigen, was ich mache, wenn es makellos ist.“ Und so passiert etwas Paradoxes: Aus Angst, schlechte Bilder zu machen, machen wir gar keine mehr. Perfektionismus nimmt Dir den Mut zum Experiment. Zum Spielen. Zum Scheitern. Dabei entsteht Entwicklung fast immer aus Unfertigem. Aus Versuchen. Aus Bildern, die nicht perfekt sind – aber ehrlich. Vielleicht darfst Du Dir heute erlauben, wieder Anfänger zu sein. Nicht im Können. Aber im Erlauben.

Kreativblockaden verstehen statt bekämpfen
Kreativblockaden sind selten ein Problem der Ideen. Meist sind sie ein Problem der Energie. Zu wenig Ruhe. Zu viel Druck. Zu viele Erwartungen – von außen und von Dir selbst. Wenn Du ständig produzieren willst, ständig besser werden willst, ständig liefern willst – ohne Raum für Pausen, dann zieht sich etwas in Dir zurück. Kreativität braucht Leerlauf. Wie die Lunge den Atem. Und manchmal will sie nicht angetrieben, sondern eingeladen werden.

Konkrete Wege zurück zur Motivation
Ich möchte Dir jetzt ein paar Gedanken mitgeben, keine Rezepte, sondern Einladungen. Erstens: Reduziere radikal. Eine Kamera. Ein Objektiv. Ein Mensch. Ein Licht. Beschränkung kann unglaublich befreiend sein. Zweitens: Mach Mini-Projekte. Nicht „das große neue Konzept“. Sondern: „Ein Portrait am Tag.“ „Eine Woche nur Fensterlicht.“ Kleine Schritte bringen Bewegung zurück. Drittens: Fotografiere ohne Ziel. Kein Portfolio. Kein Kunde. Keine Veröffentlichung. Nur für Dich. Viertens: Hol Dir Inspiration außerhalb der Fotografie. Musik. Literatur. Filme. Malerei. Kreativität nährt sich selten nur aus dem eigenen Fach. Fünftens: Sprich mit Menschen. Nicht über Technik. Sondern über Leben. Jede echte Geschichte kann ein Bild werden.

Ich habe in den letzten Tagen einige Nachrichten von Hörerinnen und Hörern bekommen, die genau solche Phasen kennen. Und was mich daran besonders berührt: Fast alle sagen rückblickend, dass diese Tiefpunkte notwendig waren. Dass sie etwas verändert haben. Den Blick. Die Haltung. Die Richtung.

Denkanstoß
Vielleicht ist diese Phase, in der Du gerade steckst, kein Stillstand. Vielleicht ist sie ein leiser Hinweis. Dass Du langsamer werden darfst. Ehrlicher. Näher bei Dir. Nicht jede Flaute ist das Ende. Manchmal ist sie nur Atemholen. Bleib dran. Nicht mit Druck. Sondern mit Vertrauen.

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