Vor dem Sehen kommt das Fühlen

Lang lang ist es her und heute startet die erste Episode meines Fotografie Podcasts. “Menschen. Portraits. Denkanstösse” richtet sich an alle ambitionierten (Portrait)Fotografen und Fotografinnen und diejenigen, die Ihre Leidenschaft vielleicht zum Beruf machen wollen.

In der ersten Episode starte ich mit dem Thema “Gefühle vor Sehen”. Wer nicht so gerne hört, dem stelle ich den Text der Folge als Blogbeitrag in abgewandelter Form nun zur Verfügung.

Viel Spaß beim Lesen.

“Hallo und schön, dass Du wieder mit dabei bist.

Ich würde jetzt gerne sagen: „Long time no See“. Aber immerhin ist das hier ein Podcast und eigentlich ist auch keine Zeit für Erklärungen ; ) Mal mit einem lächelnden Auge gesagt. Ich hoffe Du bist gut in das neue Jahr 2026 reingerutscht, ich wünsche Dir nur das Beste und vor allem viel Gesundheit.

Hier im Podcast werde ich ein paar Veränderungen vornehmen und hoffe, dass Dir das entgegenkommt. Bei durchschnittlich 4 Episoden im Monat wird es zwei Solo-Episoden geben, eine Interviewfolge und eine Businessfolge, in der ich gerade diejenigen ansprechen möchte, die sich auf dem Weg in den Nebenerwerb oder gar in die Vollselbständigkeit begeben wollen.

Als kleiner Spoiler. In der Episode vom 19.01.2026 interviewe ich Caleb Ridgeway. Er ist Fotograf aus Oberursel und mittlerweile einer der neuen Geschäftsführer des bpp - Bund professioneller Portraitfotografen. Wir sprechen eine Stunde lang über seinen Weg in die Fotografie und was ihn fotografisch begeistert.

Aber kommen wir doch mal zu meinem heutigen Denkanstoss.

In Workshops fällt mir eine Sache immer wieder auf und ich glaube, es ist eine der grundlegenden Dinge, warum es immer wieder Fotografinnen und Fotografen gibt, denen 1 A Motive immer wieder vor die Linse springen, ohne aber zu sehen, was da passiert.

Es gibt viele Menschen die sagen, entweder kannst Du „sehen“ oder halt eben nicht. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass vor dem „Sehen“ noch eine viel wichtigere Instanz genommen werden muss. Nämlich die Gefühlsebene.

Ich erkläre Dir mal was ich damit meine.

Wenn ich einen Ort, ein Haus oder was auch immer betrete, fühle ich etwas. Genau das Gegenteil kann ebenfalls passieren, dass ich irgendwo hinkomme, aber rein gar nichts fühle. Klar, sehe ich zuerst, bevor sich das Gefühl entwickelt. Aber an dieser Stelle ist es noch ein oberflächliches Sehen. Wenn mich das Gefühl aber danach übermannt und ich denke: „Boah! Was ein geiler Ort“, dann bin ich auf der Jagd und scanne sofort die Möglichkeiten ab, was ich wie und wo fotografieren kann. Und vor allem: WEN! Dieses Gefühl führt dazu, dass mein Kopf Songs im Hintergrund einblendet, ich automatisch Situationen als Filmszenen vor meinem Auge laufen habe und sich sehr schnell eine klare Vorstellung davon entwickelt, was ich fotografieren möchte. Habe ich dieses Gefühl nicht, wird es schwer für mich ein gutes Foto zu schießen. Okay, es wird handwerklich in Ordnung sein, jedoch nur ein weiteres scheiss langweiliges Bild, was man eigentlich nicht schießen möchte.

Kommen wir zurück auf den Workshop. An dieser Stelle wird es schwierig für mich, wirklich Einfluss zu nehmen, auf das, was bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern passiert. Ich kann Dir schnell beibringen, wie man irgendwelche Regeln umsetzt, wie das Zusammenspiel aus Blende, Zeit und Iso funktioniert - all diese Dinge. Easy. Aber wie schaffe ich es, mein eigenes Gefühl zu erklären. Noch schwieriger, wie schaffe ich den Zugang zu Dir aufzubauen, dass ich Dich dazu bringen kann, tief in Deine Gefühlswelt zu greifen. Dich zu animieren, Dein Sehen mit Deinen Gefühlen zu verknüpfen. Ich komme irgendwo hin und fühle….sehe….so viel und andere stehen neben mir und sehen einfach….NICHTS.

Ich glaube, dass der Zugang zu den eigenen Gefühl höchst individuell ist und das Du zu erst einmal bereit sein musst, wirklich zu fühlen und dies mit Deiner Fotografie zu verbinden. Wenn es Dein Ziel ist, einfach nur schöne Frauen an eine Mauer zu stellen und diese mit üblichen Posen und plattem Licht zu fotografieren, dann ist diese Episode nichts für Dich.

Das soll jetzt kein „How to fühl gute Fotografie“ werden, das würde ich mir überhaupt nicht auf die Fahne schreiben wollen. Vielleicht sind aber meine Gedanken dazu für Dich, oder den einen oder anderen, irgendwie von Vorteil.

Ich fang mal an, wie sich das für meine eigene Gefühlswelt darstellt und welche Rückschlüsse man eventuell für sich selbst ziehen kann. Das passt so für mich, ob es für Dich passt, musst Du hinterher für Dich selbst bewerten.

Meine Gefühlswelt ist keine Einfache. Ich werde angezogen von der Dunkelheit, von düsterer, epischer Musik. Von großen Filmszenen mit unfassbarer Kameraführung und passender Musikauswahl. Ich werde aber auch angezogen von Szenen des Glücks, von warmer Helligkeit, Musik von Jan Delay das selbst ich Körperklaus anfange zu tanzen. Es gibt Musik, bei der muss ich anfangen zu weinen, mal vor Glück, mal vor Traurigkeit. Mal ist ein Song mit einem glücklichen Moment und mal mit einem schlimmen Ereignis verbunden. Du siehst…Gefühle sind keine Autobahn die einfach nur geradeaus führt und wo man ab und zu einfach mal abfahren kann. Viel mehr betrachte ich Gefühle als ein wirres Komplex aus siebenspurigen Kreiseln, verbunden mit Überfliegern und Tunneln.

Was ich im Laufe der Zeit gelernt habe, dass man oft nur in einer Gefühlswelt gleichzeitig sein kann. Bist Du emotional schlecht drauf und eher dunkel und düster…dann kannst Du kaum heitere Fotos produzieren. Die Stärke Deines Kopfes liegt dann gerade eben in der Dunkelheit, in einem Raum voller Sorgen, voller Traurigkeit. Wenn Du Dich mit der Fotografie aber darin fallen lassen kannst, Deine vorhandenen Gefühle einfließen und Du Deine Seele in Deinen Bildern Ausdruck verleihst, kann das für Dich wie eine Therapie sein. Um vielleicht danach selbst wieder im Licht zu stehen und das Glück zu spüren.

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen interpretiere ich Trauer, Wut und schlechte Laune eher als Geschenk und nicht als Bürde. Der Moment, wenn das Gefühl kippt und man wieder Hoffnung hat, gute Laune bekommt und ein geiler Beat aus den Boxen schallt, ist einfach nur großartig. Ein Hoch ohne Tiefen kann nicht existieren.

Du freust Dich wahrscheinlich auch jetzt schon wieder auf die ersten warmen Sonnenstrahlen und den Ruf der Kraniche, wenn sie aus dem Süden zurückkehren und über unsere Köpfe hinweg fliegen. Das ist absolut großartig!

Chester Bennington, der ehemalige Frontmann der Band Linkin Park sagte einmal in einem Interview, dass der Ort zwischen seinem Schädel, eine ganz beschissene Nachbarschaft ist. Du bist was Du denkst. Kognitiv ist es wohl so, dass das, was Du und ich denken dazu führt, wie wir uns fühlen. Grämen wir uns ständig in negativen Gedanken, können wir gar nicht anders, als uns beschissen und niedergeschlagen zu fühlen. Neurologisch betrachtet gibt es Hinweise darauf, dass je mehr wie negativ denken, unser Gehirn auch mehr nach negativen Mustern sucht und diese zukünftig schneller erkennt, während wir positive Muster immer weniger wahrnehmen und so in eine ganz fiese Spirale rutschen.

Positiv gepolte Gehirne erkennen im Gegenzug mehr das Positive, als das Negative.

Und wir haben das alle schon einmal mitbekommen.

Wenn jemand über sich selbst ständig Sachen sagt wie:

  • Ich kann das nicht.

  • Ich schaffe das nicht.

  • Niemand hört mir zu.

  • Ich bin an allem Schuld.

wird derjenige davon auch irgendwann so überzeugt sein, dass diese Aussagen bald feste Glaubensmuster werden. Ich schweife aber hier an der Stelle ab. Ich bin der festen Überzeugung, dass manche Menschen verlernt haben, mit ihren Gefühlen richtig in Kontakt zu treten und diese auch zuzulassen.

Lass Dich mal richtig hart in Dein Gefühl fallen, pack Deine Kamera aus, plane nichts, mach einfach. Such nach dem Licht was Dir gefällt, dem Ort, der Szene, die Dir im Kopf vorschwebt oder Du einfach denkst: Genau das isses!

Aber direkt hinter den Gefühlen gibt es eine weitere Grundvoraussetzung. Nämlich die des generellen „HOW TO“. Wenn Du Deine Kamera nicht beherrschst, immer noch darüber nachdenkst, wie Du die einstellen musst und wie das überhaupt funktioniert, hast Du gar nicht die Möglichkeit überhaupt zu wissen, was alles möglich ist. Was Du in welcher Situation wie fotografieren kannst. Stilistische Gestaltungsmittel der Szenerie zuordnen und umsetzen können, geht dann nur noch mit Know how.

Wenn Du Schwierigkeiten hast mit dem Erkennen von Motiven oder dem Bauen von Bildern im Kopf, hinterfrage Dich selbst einmal, ob Du Gefühle beim Fotografieren empfindest. Oder weniger beim Fotografieren, als beim Betrachten der möglichen Settings. Empfindest Du ein Gefühl, wenn Du an einer Wand die Silhouette einer Person siehst? Hast Du direkt den Gedanken im Kopf, damit etwas tun zu müssen? Wie ist es, wenn Du an der Ostsee bist? Du stehst auf der Seebrücke in der Abenddämmerung und möchtest ein Bild vom Meer machen. Machst Du einfach bloß ein Foto? Oder hast Du ein Gefühl was Du transportieren möchtest. Die große Weite des Meeres, die Dunkelheit im Meer…..stellst Du es hell oder dunkel dar….arbeitest Du mit längerer Belichtungszeit oder frierst Du die Bewegung mit einer kurzen Bewegungszeit ein. Was geht da in Dir vor? Die, die das Gefühl automatisch haben, müssen sich prinzipiell gar nicht hinterfragen. Aber für denjenigen, der vielleicht Probleme damit hat, ist dieses reflektieren vielleicht gar nicht so schlecht. Ich will Deine Fotografie hier gar nicht poetisch werden lassen. Aber jedes Foto was wir schießen, ist indirekt ein Spiegel unseres Selbst.

Versuche einmal Deine Stimmung vor dem Fotografieren zu beeinflussen. Gibt es Musik, die Dich beeinflusst, die Dich in eine spezielle Stimmung bringt? Höre diese Musik vorher einmal ausgiebig oder höre sie vielleicht sogar während dem Fotografieren. Beobachte einmal, ob dies Deine Fotografie beeinflusst. Wenn dies der Fall sein sollte, spiele mal mit unterschiedlicher Musik herum. Geh mal mit der einen Musik raus und dann mit der anderen. Macht das für Dich einen sichtbaren Unterschied? Sind Deine Ergebnisse unterschiedlich? Was ich damit möchte ist, dass Du Deinen „Schalter“ findest. Deinen Gefühls-Schalter, den Du auf Abruf umlegen kannst. Werde Dich bewusst über Deine Gefühle.

Viele Grüße und hab eine wundervolle Zeit!

Bis dahin!

Dein Mano

Du hast Anmerkungen zur Folge? Dann lass gerne einen Kommentar da, schreib mir eine Whatsapp (gerne auch Sprachnachricht) oder eine E-Mail.

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Andrea E. Franz - Bündnis 90/Die Grünen