Fotografie, Wahlk(r)ampf und Persönlichkeit

Fotograf, Koblenz, Portrait

Es ist Sonntag. Heute ist ein besonderer Tag. Heute wählen die Koblenzer Bürgerinnen und Bürger ihren neuen Oberbürgermeister. Der amtierende Joachim Hofmann-Göttig, liebevoll von einigen JoHo genannt, scheidet aus dem Amt. Zur Wahl stehen die parteiunabhängigen Bert Flöck und David Langner. Weiter im Rennen um den gemütlichen Sessel im Rathaus sind der frisierende Torty de Banana, Entschuldigung, Torsten Schupp (FDP) und der Kandidat der Grünen, Hans-Peter Ackermann. Mit Sicherheit wird der Kampf um die meisten Stimmen zwischen Flöck und Langner ausgetragen. Aber eines Besseren belehrt werden wir erst ab 18.00 Uhr. 

 

Was hat das ganze nun mit Fotografie zu tun? Eine ganze Menge. Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Menschen, die ihre Führungsspitze wählen, sich nicht zwangsläufig im Vorfeld mit den Programminhalten der Parteien oder der Kandidaten beschäftigen. Wie entscheiden sich diese aber dann, wen sie überhaupt wählen wollen? Häufig aufgrund von Sympathie. Hier spielt der öffentliche Auftritt der Kandidaten in sozialen Medien, im Fernsehen aber auch auf Printmedien eine große Rolle. 

Gerade in diesem Jahr ist der "fotografische Wahlkampf" äußerst interessant.

 

Blicken wir auf die zeitgleich stattfindende Bundestagswahl, sehen wir neben der ewig währenden Queen Merkel, Herausforderer Schulz, aber zum Beispiel auch einen Popstar der Politik, Christian Lindner (FDP). Zumindest wird er so inszeniert, aber er ist dabei auch einfach er selbst. Christian Lindner macht es vor. Niemand kommt an den Plakaten des FDP-Frontmannes vorbei. Die knackigen Schwarzweißportraits, kontrastreich, persönlich, zeigen Lindner trendy und machen ihn gerade für junge Wähler interessant. Er benutzt Medien wie Facebook im Minutentakt, macht Livevideos im Taxi und sitzt im Wohnzimmer zu offenen Fragenrunden. Mit dem Internet erreicht man halt Menschen. Hat er wohl erkannt. Das ganze macht er sehr authentisch. 

Auf diesen Zug springen nun alle FDP-Kandidaten auf, auch unsere Regionalpolitiker. Das dies nicht funktioniert wird schnell klar. Zum einen ist die Kampagne der Bundes-FDP voll auf Lindner abgestimmt, auf seinen Typ und seine Persönlichkeit. Zum anderen sind die Fotos nicht durch irgendeinen Knipser entstanden, sondern durch Olaf Heine. Starfotograf Heine hat bereits Rammstein, Die Ärzte oder Oliver Kahn fotografiert. Er besitzt Studios in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Der Mann weiß was er tut, eben wie Lindner. 

Die Kampagne ist Lindner, aber treffender gesagt, Lindner ist die Kampagne. 

 

In Koblenz springt Torsten Schupp ebenfalls auf diese Kampagne auf. Der sympathische Koblenzer Frisör stellt sich auf Plakaten vor. Ebenfalls in schwarzweiß. Warum bleibt man hier nicht einfach individuell? Die Kampagne passt auf Lindner, aber nicht auf Schupp. Dazu ist das Foto einfach schlecht umgesetzt und schafft keine emotionale Verbindung zu den Fotos von Lindner. FDP-Landeschef Volker Wissing hat das schon wesentlich besser im Griff. Die Umsetzung kommt schon wesentlich mehr an das Original heran. Aber hier kommen wir wieder zum Punkt. "An das Original herankommen....", es wird also kopiert. Das hat doch irgendwie keiner nötig. 

 

In Koblenz hat es aber ebenfalls jemand geschafft authentisch zu wirken. Der parteilose David Langner hat seine aktuellen Fotos durch Sarah Reuther (Fotostudio Reuther) erstellen lassen. Auf dem hochformatigen Plakat schaut Langner einen an, als würde er vor einem stehen. Man kauft ihm dieses sichere Lächeln sofort ab, ohne ihn zu kennen. Sarah Reuther hat mit ihrem Foto sicherlich kein neues Portrait erfunden, dennoch sticht sie mit dem Portrait von Langner aus der Plakatmenge hervor. Denn auch die Fotos einiger Bundestagskandidaten sind um einiges langweiliger, als jenes von Reuther. Die meisten Fotografien von Politikern zeigen keine, jetzt kommt ein Martin Schulzscher Erguss, "klare Kante". Die Bilder sind meist flach ausgeleuchtet, lassen keine Schatten zu oder sind einfach lieblos arrangiert. Sicherlich ist die Wahl der Fotografen vom Budget abhängig. Aber das ist dann wie mit Hochzeitspaaren, die den schönsten Tag ihres Lebens festhalten wollen und einen Fotografen suchen, der im Idealfall 8 Stunden zur Verfügung steht, kostenfrei, aber mit der Erlaubnis das Buffet plündern zu dürfen. 

Sarah Reuther blitzt frontal und lässt Schatten im Wangenbereich zu. Betont durch absaufende Ränder Langners Gesicht. Der Blick des Betrachters bleibt bei Langners Mimik hängen, die freundlich und vertrauensvoll auf einen einwirkt. 

 

Mitbewerber Bert Flöck hat zuletzt einen professionell aufbereiteten Klappflyer verteilt. Im Innenteil wird Flöck zusammen mit seiner Familie, scheinbar in seinem Zuhause, dargestellt. Das Bild ist schön. Auf mich persönlich wirkt es aber nicht. Offensichtlich soll das Bild Flöcks Sinn für Familie nach Außen darstellen, aber auch eine gewisse Bodenständigkeit anzeigen. Es wirkt allerdings auf mich nicht, da es zu gebügelt erscheint. Ohne Bezug zu den Protagonisten ist es ein schönes Foto, fast wie aus einem Katalog. Das Hochkantplakat, welches in den Straßen hängt, ist wiederum sehr ansprechend. 

 

Auch wenn die fotografische Darstellung von Flöck in meinen Augen nicht an die von Langner heranreicht, heben sich die Beiden positiv von den Mitbewerbern ab. Wie bereits erwähnt, heben sie sich sogar gegen einen Großteil von Bundestagskandidaten ab. Ich erinnere mich da an das Plakat vom Kandidaten Oster mit der Aufschrift "Ostergrüße von.....". Plakate sind ja doch im Regelfall sehr groß. Da sieht man dann aber eben auch, wenn jemand das Freistellen nicht beherrscht. Für die Bewerbung auf einen solchen Posten sollten die Schnitzer nicht so groß ausfallen. Ich mag jetzt nicht alle Protagonisten der heutigen Wahl durchgehen. Ihr wisst worauf ich hinaus möchte.

 

Es geht in die richtige Richtung. Ich wünsche mir wesentlich mehr Mut zur eigenen Persönlichkeit. Natürlich bedarf es auch entsprechenden Fotografen, die so etwas auch wirklich umsetzen können. Beispielhaft sind hier Fotos von Martin Dulig, geschossen von Götz Schleser. Götz schafft es immer den richtigen Moment herauszukitzeln und den Mensch sich selbst sein zu lassen. So Fotos können auch mal dunkel sein, oder auch entstellt. Irgendwie muss man sich von der Masse abheben. So wie Lindner, der dann auch schon einmal fast wie ein James Bond aussieht auf den Fotos, sagt meine Mutter. 

Die richtige Kampagne und damit auch die entsprechenden Fotos, können wahlentscheidend sein. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Lasst die Menschen doch erkennen, wer hier Politik machen möchte. Seid Mensch.

 

Heute gilt es. Heute ist Wahltag. Leute, geht bitte wählen. Es ist wirklich wichtig. Das Privileg an einer solchen Wahl teilzunehmen ist nicht selbstverständlich. Schaut raus in die Welt, da gibt es ganz andere Beispiele. Ich wünsche den Koblenzern ein glückliches Händchen. Möge der Bessere gewinnen. Ansonsten winkt der Ballermann. 

 

Ganz wichtig: Dieser Artikel spiegelt nicht meine Präferenzen bezüglich der Wahl wieder. Keine versteckte Werbung, lediglich meine Meinung.

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