Mut zur Fotografie

...oder der Hype ist endlich vorbei

Gewagte Überschrift? Vielleicht - lest selbst.

 

Das ist irgendwie ein Herzensthema und es kann sein, dass ich mich im Laufe der Schreiberei ereifern werde und den roten Faden verliere. Ich entschuldige mich schon jetzt dafür. 

 

Fangen wir einmal von folgendem Standpunkt an:

Ich habe eine Kamera in der Hand, drücke auf den Auslöser, also fotografiere ich.

Mag man meinen. Ist dem auch wirklich so? Warum fühlen sich zum Beispiel viele Fotografen erniedrigt, wenn man über sie sagt, sie knipsen? Aber gibt es denn nun einen Unterschied zwischen fotografieren und knipsen? Ist Beides nicht irgendwie Fotografie?

Nur weil jemand vielleicht eine kleine Digitalkamera in die Hand nimmt, ist er nicht automatisch ein Knipser. Umgekehrt ist jemand, der eine teure Canon in die Hand nimmt nicht gleichzeitig ein professioneller Fotograf. 

 

Uns alle eint die Liebe zum Erstellen von Bildern. Manch einer macht sie, um ein paar Bilder vom Urlaub in ein Album kleben zu können. Ein anderer macht Bilder, weil er sich künstlerisch ausdrücken möchte. Andere nehmen eine Kamera nur in die Hand, um nackte Weiber auch mal im "real life" sehen zu können. Die Gründe können total vielfältig sein. Ich würde niemanden verurteilen, der sein Handy zückt, um einen Moment auf einem Foto festzuhalten. Ich habe schon wahnsinnig tolle Handyfotos mit künstlerischem Anspruch gesehen - einfach großartig. 

Es gab Fotografen, die eine Instamatic in die Hand nahmen, mit den Fingern ihre Zehen berührten und die Kamera in der anderen Hand haltend ein Bild auslösten. Sie streckten danach ihre Hände in die Luft und schossen erneut ein Foto. Ungeplante Ergebnisse, losgelöst von jeglicher Erwartungshaltung. Auch das könnte "Knipsen" sein, aber eigentlich ist es doch eine kunstvolle Form der Fotografie. 

 

Diese Diskussion habe ich gestern in einem Fotoforum innerhalb Facebooks angeregt und der interessanteste Kommentar wurde beigesteuert durch Michael Jordan, einem bekannten Fotograf aus Koblenz. Michael Jordan sagte: "Ist es wichtig, dass das eigene Tun von anderen "korrekt" bezeichnet wird? Mir ist es egal. Es ändert ja nichts an meinem Tun." Michael hat hier den Nagel auf den Kopf getroffen. Grandios. 

 

Mit der Fotografie ist es bei mir wie beim Kampfsport. Ich entdecke mich selbst. Seit ich im Jahr 2011 mit der Fotografie begonnen habe, haben mir einfache Portraits gereicht. Ich war stolz, wenn Licht synchron auf die Person fiel und ich das Bild ordentlich belichtet habe (also damit meine ich, was die Allgemeinheit unter einer ordentlichen Belichtung versteht). Ich bin in die digitale Falle der Massenproduktion gerutscht und habe für Shootings 300 Bilder und mehr verschossen. Ich habe meine Bilder für großes Kino gehalten und habe Kritik nicht angenommen. 

 

Heute bin ich weiter. Heute finde ich nichts schlimmer, als einen Menschen portraitieren zu müssen und es am Ende nur gewöhnlich aussehen lassen zu können. Ich möchte die Person im Bild in ihrem eigenen Licht darstellen, mit allen Macken und eine Szenerie erschaffen, an der man als Betrachter einen kurzen Moment hängen bleibt. Ich bin froh, nicht Fotos von hübschen Frauen machen zu müssen, die hinterher noch derart glatt gebügelt werden müssen, bis der Weichzeichner das letzte Stück Seele hinausgepustet hat. Aber auch hier muss man sagen, dass es gut ist, dass es eben auch diese Fotografen gibt, die diese Bilder machen. Denn irgendjemand möchte sowas und wird dafür Geld bezahlen. Es ist eben nur nicht meins.

 

Wo ist dieser Mut zur Hässlichkeit? Wo ein Mülleimer mal im Bild bleiben darf. Wo Gesichtszüge entgleisen dürfen, Haare wild im Gesicht hängen. Bilder, die sich vielleicht gar nicht sofort erschließen. Wo Bilder noch Bilder sind. 

 

In meinem Umfeld merke ich zumindest, wie sich ein Bewusstsein für die eigene Fotografie entwickelt. Ein Bewusstsein, mit welchem man nicht gedankenlos alle möglichen Onlinetutorials einkauft und versucht nachzubasteln. Wo bleibt da bitte der eigene Anspruch an die Bildsprache. Leute, Ihr wisst was ich meine. Nichts gegen die Groupies von Hollywood und Co., aber traut Euch verdammt was eigenes auf die Beine zu stellen und nicht als eine lausige Kopie rumzulaufen. Den Dialekt bekommt Ihr eh niemals hin. 

 

 Wie seht Ihr das? Lasst uns weiter diskutieren!

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Johannes Beschoner (Dienstag, 11 April 2017 09:41)

    Hi,
    du sprichst mir aus der Seele! Ich sehe das genauso und ich kann das so sehr nachvollziehen was du schreibst! Ich kenne das so sehr von mir, immer wieder habe ich Zeiten in denen ich in eine Kopie verfalle aber ich denke auch das gehört dazu, bei mir auf jeden Fall!
    Wichtig ist es eben sein Weg zu gehen und auch mal durch die andere Tür zu gehen!
    Viele Grüße
    Johannes

  • #2

    Klaus Breitkreutz (Dienstag, 11 April 2017 10:03)

    Super geschrieben. Finde es genial, wie Du die Themen angehst.

  • #3

    Thomas Nentwich (Montag, 24 April 2017 17:08)

    Ich teile Deine Meinung, habe aber 12 Jahre intensive Fotografie gebraucht um so weit zu kommen. Ich vergleiche es gerne mit Musik. Noten lernen, erste Stücke, das geht relativ schnell. Eigene, komplexe Kompositionen zu entwerfen braucht Erfahrung und natürlich Talent. Manch einer schafft es früher, mancher später, mancher nie.
    Ich habe erst viel ausprobieren müssen und habe viel kopiert, um soweit zu kommen, dabei ist von ankommen keine Rede. Ich bin schon gespannt, was ich als übernächstes mache...