Martin Gommel - Fotojournalist

"Ich habe gerade ein Kind fotografiert. Ohne linken Oberarm. Eine Bombe hatte ihn fortgerissen."

Dies postete Martin Gommel vor einigen Monaten. Dieser eine kurze Satz ergriff mich sofort. Die meisten Kinder dort kennen nichts anderes. Die sind mit dem Krieg aufgewachsen.

 

"Ich habe Martin bereits vor über drei Wochen zum Gespräch getroffen"

Hätte ich diesen Text einfach schnell fertig bekommen, würde diese Zeitangabe auch stimmen. Aber es sind mittlerweile Monate vergangen, dennoch ist die Arbeit von Martin nicht weniger aktuell. Letztendlich kam dabei ein typischer Zeitungsartikel raus. Ein Artikel, steril, welcher sich in jeder kleinen regionalen Zeitung finden lassen könnte. Er würde nur nicht diesem Menschen gerecht, der eine Aufklärungsarbeit leistet, die Vorbildcharakter hat. Es musste liegen bleiben, bis ich einfach die passenden Worte fand.

 

Ich kannte Martin Gommel bis zu diesem Zeitpunkt nicht persönlich. Ich verfolge seiner Arbeit circa ein Jahr und bin beeindruckt von der offenen und ehrlichen Schreibe. Martins Arbeit ist noch zu unbekannt denke ich mir und rufe ihn spontan an. Ich möchte helfen! Denn wo überhaupt findet man in der Presse Berichte über das Thema Flucht, die nicht geschönt sind?

 

Wir hatten ein sehr nettes Telefonat. Wenn man seine Texte liest, hat man eine gewisse Vorstellung vom Mensch "Martin Gommel". Während wir telefonierten dachte ich mir, dass ist einer der Sorte, mit dem Du sofort klarkommst. Keinerlei Allüren trotz seiner bisherigen Erfolge, zum Beispiel mit kwerfeldein.

Der Mann muss unglaublich in sich ruhen, denke ich mir.  Wie hält er sonst diese ganzen Eindrücke aus, die er auf seinen Reisen mitnimmt? Martin und ich vereinbarten ein Treffen in Karlsruhe. 

 

Als ich das Café betrete, sitzt dort ein großer Mann, mit wild rotgewachsenem Bart und kurzem Haar. Er nippt an einem Glas Latte Macchiato und wirkt müde und nachdenklich. Wir unterhalten uns kurz über seine letzte Reise. Über die Menschen denen er begegnete. Gute Begegnungen, schlechten Begegnungen. Seine gegegnwärtige Verfassung ist umso mehr verständlich. Wir unterhalten uns über die sogenannten Helfer, die bei dem Thema Flucht aus dem Boden wachsen. Wir unterhalten uns über die Helfer, die dies mit reinem Herzen machen, aber auch über die Menschen,  denen die Schicksale derer, die auf der Flucht sind, am Arsch vorbeigehen. Wir reden darüber, dass man sich mit einer solchen Aufklärungsarbeit nicht nur Freunde macht. Unser Gespräch führt zu den Kindern, die mit, aber auch ohne Eltern auf der Flucht sind. Welche Spuren es in ihnen hinterlassen muss und wie tapfer sie dennoch damit umgehen. Ich muss immer wieder auf die Uhr schauen, weil ich nicht viel Zeit an diesem Tag habe, ich ihn aber in der wenigen Zeit so gut es geht kennenlernen möchte und auch seine Arbeit.

 

Während dem Gespräch werde ich immer ruhiger. Es fällt mir schwer, Dinge die er erzählt, sofort einordnen zu können. Eine Enttäuschung über die Menschheit macht sich breit. Man möchte sich am liebsten schämen, für das Tun diverser Mitmenschen.

 

Idomeni, Lesbos und Samos sind Orte, die den Menschen erst durch die Medienberichte zum Begriff wurden. Dramatische Weitwinkelaufnahmen plätschern durch die Fernsehgeräte, untergehend in Diskussionen, ob Terroristen als Flüchtlinge getarnt über die Grenzen nach Deutschland kommen könnten. Unnötige Panikmache ausgelöst durch einseitige Berichterstattung und falscher Verwendung von Statistiken. Menschen wie Martin, welcher ebenfalls 35 ist, die sich unverrichteter Dinge auf den Weg machen und der Situation ein Gesicht geben, ein wahres, sind die Ausnahme. Betrachtet man seine Reportagen stellt man fest, dass er mit Feingefühl an die Sache herangeht. Während so mancher Sensationsreporter auch die Grenzen der Geschmacklosigkeit übertritt und jedwede Moral  vermissen lässt, wählt Martin seine Momente genau und weiß, was er zeigen kann und was nicht.

 

Er versucht so oft es geht auf Reisen zu gehen. Diese Reisen dauern durchschnittlich zehn Tage und werden ausschließlich durch Spenden finanziert, so wie seine gesamte Tätigkeit. Sein ganzes Tun steht und fällt mit diesen Spenden. Hier wäre ich wieder am Anfang meiner Bemühungen. Warum ich extra Karlsruhe fahre, um diesen Menschen kennenzulernen.

Ich möchte helfen, dass diese Aufklärungsarbeit noch lange existieren wird. Auch wenn ich nur Kleinigkeiten bewegen kann, ist es mir ein inneres Bedürfnis, dies zu tun. Martin ist so ein feiner Mensch.

 

In diesen eineinhalb Stunden sitzen sich einfach zwei Menschen gegenüber mit ähnlich gelagerten Interessen. Es ist schade, dass man soweit auseinanderwohnt und nicht mehr Dinge gemeinsam angreifen kann. Im Gespräch habe ich mich völlig verloren. Mir bleiben gerade mal zehn Minuten, um noch ein paar Fotos von Martin zu machen. Er gibt mir die Zeit. Ich wollte nur dieses eine Foto machen. So wie ich Martin sehe.

 

Warum erzähle ich Euch hier von Martin? Ich möchte, dass Ihr ihn unterstützt! Folgt ihm bitte auf Facebook, denn was er schreibt, ist so ehrlich und so unzensiert. Es ist einfach wichtig. Erzählt anderen Menschen von seiner Arbeit und teilt seine Artikel. Nur so wird es immer wieder Menschen geben, die ihn in seinem Schaffen unterstützen werden, unter anderem durch Spenden. Wer spenden möchte, kann dies hier gerne tun.

 

Auf dem Weg zurück zum Auto mustere ich meine neunjährige Tochter, welche ich auf diesen Trip mitgenommen habe. Mir ist völlig bewusst, dass sie dort Dinge gehört haben könnte, die für sie völlig befremdlich erschienen sind. Aber ich bin immer dafür, meine Kinder offen und ehrlich zu erziehen. Diese Kriege, dieses Grauen, welches sich die Menschen gegenseitig zufügen, auch das ist ein Teil unseres Lebens, den sie kennen sollte, ohne ihre Unbeschwertheit zu verlieren. Während der dreistündigen Rückfahrt ist es still im Auto. Ab und zu reden wir über das Gehörte. Das Treffen mit Martin hat uns beide noch mehr sensibilisiert. 

 

Danke Martin. 

 

Mehr über Martin:

Der gelernte Erzieher und Vater zweier Kinder gründete 2005 den erfolgreichen Fotografieblog kwerfeldein, welcher im Laufe der Jahre zu einem beliebten Magazin heranwuchs. Zehn Jahre lang führte er diesen Blog mit Herzblut, der sich über grundlegende Dinge der Fotografie äußerte, als auch fortgeschrittenere Themen abdeckt. In der fotografischen Praxis begann er im Bereich der Landschaftsfotografie, doch später zog es ihn immer mehr zum Subjekt Mensch. Während man oberflächlich seine Arbeiten in die Streetfotografieschublade packen mochte, ist seine Art Menschen zu fotografieren viel tiefgehender. Dies äußerte sich eindrucksvoll ab dem Zeitpunkt, als er sich mit dem Themenkomplex “Flucht” auseinandersetzte und hierin seine fotografischen und schreiberischen Fähigkeiten schärfte.
Ende 2014 begann Martin Gommel damit, Menschen auf dem Gelände der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe zu portraitieren. Er verbindet seine ausdrucksstarken Portraits mit Texten, die das visuell transportierte Gefühl noch viel lebendiger erscheinen lassen. Ende 2015 musste er sich endgültig für einen Weg entscheiden. Ein erfolgreiches Fotografiemagazin und seine stark wachsende Tätigkeit als Fotojournalist, ließen sich nicht mehr vereinbaren. Er übergab die Leitung des Magazins an Katja Kemnitz, welche aus Koblenz kommt, mittlerweile aber in Bonn lebt.
Mit Wegfall der Verpflichtungen gegenüber seinem Projekt kwerfeldein, kann Martin Gommel sich auf seine Tätigkeit als Fotojournalist konzentrieren. Seine Arbeit finanziert er vollumfänglich aus Spenden und bleibt damit völlig unabhängig in seiner Themenwahl. Er entscheidet wie er schreibt und worüber er erzählen möchte. Seine Eindrücke und Erfahrungen werden aus der Ich-Perspektive erzählt. Gewaltig (und) emotional die Wortwahl. Er schreibt was er sieht, fühlt und so öffnet er seinen Lesern eine Welt, in der sie sich fast mittendrin befinden. Mitten im Thema Flucht. In seinen Erzählungen von der Insel Lesbos, spürt man die beklemmende Situation, wie Boote vollgepackt mit Menschen zu sinken drohen, Helfer all ihre Kraft aufwenden um Schlimmstes abzuwenden.

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